Antimitgefühlstraining, Stufe 2 und 3

 in Kurzgeschichte/Satire, Roland Rottenfußer

EichhörnchenBaumSelbstsicherheit, Verkaufstechniken, sexueller Erfolg, Entspannung oder mehr Energie im Berufsalltag – sobald in der Gesellschaft Bedarf nach einer bestimmten sozialen Fähigkeit entsteht, finden sich Seminare, in denen das Gewünschte unterrichtet wird. Die größte Nachfrage herrscht momentan nach Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit, denn diese Fertigkeiten kann man in fast jeder Lebenssituation gebrauchen. In bestimmten Berufsgruppen – etwa in Behörden, auf Schlachthöfen und beim Militär – ist es sogar unverzichtbar, völlig frei von Mitgefühl zu sein. Seminarleiter Bodo Bormann stößgt mit seinem genialen Antimitgefühlstraining in diese Marktlücke. (Satire von Roland Rottenfußer, 1. Teil dieser Satire hier)

Stufe 2

Etwas träge noch vom schweren Mittagessen, aber aufgeräumt und guter Dinge, fanden sich die Teilnehmer nach der Mittagspause wieder im Seminarraum ein. Bodo Bormann ließ ihnen keine Verschnaufpause: „Bevor wir richtig loslegen, gebe ich noch den Sieger der Squirrel-Strike-Ausscheidung von gestern Mittag bekannt: Auf Platz 1 Hubert mit 169 erlegten Eichhörnchen, herzlichen Glückwunsch!“

Die versammelten Kursteilnehmer applaudierten laut, manche pfiffen oder riefen „Huuuh!“

„Na, ist das ein ‚He ist the Champion’ wert?“, feuerte Bormann die Truppe an. Die versammelte Mannschaft folgte nun einem kursinternen Ritual und grölte nach einer bekannten Pop-Melodie: „No time für losers, ’cause he is the Champion – of the world!“ Hubert stieg stolz grinsend auf seinen Stuhl und verbeugte sich nach allen Seiten. Squirrel Strike, war ein Computerspiel, das darauf abziele, durch Bedienung der Maustaste in einem vorgegebenen Zeitraum so viele virtuelle Eichhörnchen wie möglich abzuschießen. Die Tiere tauchten in einem unberechenbaren Rhythmus an verschiedenen Stellen der virtuellen Landschaft auf, so dass schnelle Reflexe notwendig waren, um sie zu erwischen. Im Gegensatz zu älteren Spielen von ähnlicher Machart waren die Eichhörnchen bei Squirrel Strike sehr realistisch animiert, und auch das Blut, das bei einem Treffer über ihren rotbraunen Pelz quoll, sah aus wie echt.

„Nun kommen wir aber zum unangenehmen Teil: Die Teilnehmerin mit den wenigsten Abschüssen: Angela, nur 13 Eichhörnchen – was war los mit dir?“

„She’s a looooser!“, grölte die Menge – ebenfalls einem Gruppenritual folgend und nach einer klassischen Popmelodie.

Angela trat vor die Klasse hin und sagte, was sie sagen musste. Sie wirkte gefasst, wenn es ihr auch nicht völlig gelang, ihre Scham zu verbergen: „Es fällt mir schwer. Ich mag Eichhörnchen.“

„Sie mag Eichhörnchen!“, feixte einer aus der Gruppe, ein anderer lachte laut auf und einem dritten entschlüpfte ein angedeutetes „She’s a loser“.

Aber Bormann unterbrach mit einer gebieterischen Handbewegung: „Nein, nein, lasst sie! Angela hat uns etwas sehr Wichtiges mitgeteilt: Sie mag Eichhörnchen. Wenn wir Fortschritte machen wollen, ist es wichtig, zuerst einmal ganz sachlich anzuerkennen, was da ist. Bei diesem Ist-Zustand können wir dann ansetzen. Wir haben den Fehler erkannt – Angela mag Eichhörnchen –, also suchen wir jetzt gemeinsam Wege, diese störende Emotion zu beseitigen. Ich kann Ihnen das nicht oft genug einschärfen: Es hat keinen Sinn, nur so zu tun, als hätten Sie kein Mitgefühl. Worum es geht, ist, tatsächlich keines mehr zu empfinden. Und dazu müssen Sie genau wissen, was Sie lieben, woran Sie hängen, was in Ihnen Rührung und einen Beschützerinstinkt erzeugt.

Was Angela passiert ist, ist nicht außergewöhnlich. Kinder und Tiere erzeugen Rührung, das kennen wir aus dutzenden sentimentalen Filmen. Für andere Menschen sind es Blumen, ein zweiter liebt Gedichte von Rainer Maria Rilke, ein dritter bricht in Tränen aus bei der Lektüre der Tagebücher von Anne Frank. Schämen Sie sich nicht, meine Damen und Herren, wenn Sie so einen Schwachpunkt an sich entdecken, aber seien Sie auch ehrlich zu sich. Und keine Angst, wir kriegen das in den Griff. Das alles ist bereits eine gute Vorbereitung auf die zweite Phase der Ausbildung. Tja, viele von Ihnen sind natürlich gespannt, worum es in der zweiten Phase geht.

Ich kann Ihnen jetzt noch nicht alles verraten, will aber so viel andeuten. In Phase 2 wird viel individueller gearbeitet. Sie werden mit Dingen arbeiten, die für Sie persönlich besonders mitgefühlsrelevant sind. Vereinfacht ausgedrückt, müssen Sie in Phase 2 töten, was Ihnen das liebste auf der Welt ist. Wenn Sie das fertig bringen, ohne etwas dabei zu empfinden, haben Sie das höchste Ziel unserer Ausbildung erreicht. Aber keine Angst, wir bewegen uns immer noch im Rahmen der Legalität. Das ‚Töten’ erfolgt in den meisten Fällen nur im übertragenen Sinn. Ihre Mütter, Kinder und Partner kommen also ungeschoren davon.“

Dieser gelungene Witz wurde von den Teilnehmern mit dankbarem Gelächter quittiert.

„Sie erinnern sich vielleicht daran, wie wir vor drei Tagen im Schulgarten Krokusse zertrampelt haben. Diese Übung wirkt an und für sich banal, aber im Rahmen eines Konzepts der systematischen Desensibilisierung macht sie durchaus Sinn – als Anfängerübung jedenfalls. Manche Menschen haben zu Blumen ein besonders sentimentales Verhältnis, und Krokusse werden, weil sie im Frühling als erstes kommen, besonders geschätzt. Sie werden es nicht glauben, aber im letzten Semester hat ein Teilnehmer, ein großer, kräftiger Kerl, nur wegen der Krokusse das AMT abgebrochen. Das erscheint Ihnen lächerlich, ich weiß, aber für diesen Teilnehmer waren Krokusse ein emotional besonders besetztes Schlüsselobjekt. Da musste ich ihn natürlich fragen: ‚Lieber Mann, wenn Sie es nicht mal übers Herz bringen, Blumen zu zertreten, wie wollen Sie es dann schaffen, später in ihrem Beruf Menschen zertreten?’ Bei solchen Weicheiern müssen wir uns nicht wundern, wenn es mit dem Wirtschaftsstandort bergab geht!

Ich will Ihnen aber jetzt mal einen Vorgeschmack darauf geben, was ich unter IAMT verstehe, unter Individualisiertem Anti-Mitgefühls-Training. Ich habe Sie doch gestern Nachmittag gebeten, mir Gegenstände aus Ihrem persönlichen Besitz mitzugeben, die Ihnen besonders am Herzen liegen. Ich habe heute früh tatsächlich an die 15 Objekte erhalten. Fast jeder und jede von Ihnen hat also etwas beigesteuert, vielen Dank dafür! Diese Lieblingsgegenstände von Ihnen habe ich hier in diesem Nikolaussack aufbewahrt.“

Unter den Teilnehmern erhob sich Heiterkeit, als Bormann einen großen Sack aus grobem Leinen hinter seinem Pult hervorzog.

„So, liebe Kinder, jetzt wollen wir doch mal schauen, was wir da haben. Ein Foto der Eltern. Ein Poesiealbum. Eine Schallplatte: ‚Jacques Brel, seine schönsten Chansons‘. Eine Ausgabe des Neuen Testaments in moderner Übersetzung. Ein Brief … mal sehen, was drin steht: ‚Geliebte Angela …’“

Ein Kichern und Feixen im Publikum unterbrach ihn.

„Ruhig, Leute. Es geht hier nicht darum, jemanden bloß zu stellen, sondern einzig und allein darum, die sentimentale Anhänglichkeit an bestimmte Gegenstände zu überwinden, die für jemanden symbolische Bedeutung haben. Es ist sehr mutig von Angela, uns einen Liebesbrief ihres Freundes anzuvertrauen. Es zeigt, dass sie gewillt ist, ernsthaft zu arbeiten. Was haben wir da noch in unserem Sack: Ah, das ist gut …!“

Bormann zog ein schon etwas abgewetztes Stoffschaf aus weicher, weißer Wolle hervor, das die Betrachter mit seinen Knopfaugen anschaute.

„Wem gehört das?“, fragte der Seminarleiter betont freundlich. „Ah, Isabella. Das ist sehr gut. Isabella, dieses Stoffschaf hast du wahrscheinlich schon als Kind gehabt und es ist dir ans Herz gewachsen, habe ich recht?“

Isabella, eine schüchtern wirkende Frau in den 30ern, nickte beschämt.

„Das macht nichts, Isabella. Wir sind ja hier, um zu lernen, nicht weil wir alle schon als vollkommen mitgefühlsbereinigte Menschen zur Welt gekommen sind. Wärst du bereit, dich unserem Emo-Meter-Test zu unterziehen?“

Isabella nickte stumm, man merkte ihr aber an, dass sie sich unbehaglich fühlte. Das Emo-Meter war ein Gerät, das die Heftigkeit emotionaler Aufwallungen messen konnte, indem es diese in sichtbare Schwingungsmuster übersetzte. Die Technik war an jene von Lügendetektoren angelehnt, jedoch so modifiziert, dass sie speziell für die Messung von Mitgefühl geeignet war. Neben Elektroden am Bauch, in der Herzgegend und an der Kehle wurden die Informationen über den emotionalen Reaktionsgrad (ERG) vor allem durch eine Kamera ermittelt. Diese maß die unwillkürlichen Augenbewegungen der Versuchsperson und interpretierte sie automatisch nach einem vorgegebenen Muster.

Isabella nahm nun auf dem Stuhl des Emo-Meters Platz. Sie wurde verkabelt, und die Kamera wurde auf ihre Augenhöhe eingestellt. Das Versuchsgerät stand so, dass die Kursteilnehmer Isabella im Profil sehen und zugleich Bormanns Aktionen beobachten konnten. Der baute sich jetzt mit dem Stoffschaf vor ihr auf.

„So, liebe Isabella. Dieses kleine, süße Schaf hier war also dein Lieblingsspielzeug aus der Kindheit und du hattest es bestimmt sehr lieb“, begann der Kursleiter mit einschmeichelnder Stimme. „Dann wirst du ja sicher nichts dagegen haben, wenn ich das hier tue.“ Bormann nahm auf einmal ein spitzes Küchenmesser von einem Wandregal und richtete es auf die Brust des Schäfchens. Der Regler des Emo-Meters bewegte sich deutlich nach oben, ungefähr bis zur Mitte der Skala. Isabella war offensichtlich erregt.

„Ruhig, Isabella, denk daran, was wir gelernt haben: Atem anhalten, Bauch- und Kiefermuskulatur anspannen. Und unseren Satz: ‚Das bin nicht ich’. Isabella: ‚Das bin nicht ich. Es ist mir gleichgültig. Es geht mich nichts an.’ Es ist nur eine Puppe, nur ein Stoffkissen mit einem aufgenähten Gesicht. Mein Gott, Isabella, was willst du denn anfangen, wenn du später Menschen aus Fleisch und Blut vor dir hast? Jetzt aber ernsthaft, Isabella! Streng dich an!“

Bei diesen Worten stieß er das Messer in die Brust des Schafes. Der Regler schoss nach oben, als hätte ein besonders kräftiger Mann bei „Haut den Lukas“ gewonnen.

„Jetzt werde ich es auseinander reißen, in seinen Eingeweiden wühlen, Isabella. Konzentrier dich. ‚Das bin nicht ich. Es ist mir gleichgültig.’“

Isabellas Augen waren jetzt voller Tränen. Mit einem Ruck riss sie auf einmal die Elektroden von ihrem Körper ab, so dass sie an ihren Drähten herabbaumelten. Sie stürzte zu Bormann hin, riss ihm das Schaf aus den Armen, drückte es an sich und rannte mit hochrotem Kopf zur Ausgangstür. Die Menge grölte. „She’ a loser“-Chöre erhoben sich. Erst allmählich ebbte die Unruhe ab, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war.

„Ruhe jetzt, Leute“, sagte Bormann. „Isabella ist draußen. Sie hat es nicht gepackt. Es ist besser, wenn sich das schon am Anfang zeigt, bei den leichteren Übungen. Stellen Sie sich Isabella bei einer Fortgeschrittenen-Übung vor, z.B. beim Schlachten von Blaumeisen. Es ist besser so. Denken Sie immer daran: Isabella hat eine Entscheidung getroffen. Sie hat entschieden, sich traurig zu fühlen und hat ihre ganze berufliche Zukunft weggeworfen wegen eines dämlichen Schafes. Das soll für uns ein Ansporn sein, es besser zu machen. Und fühlt euch nicht zu sicher. Jeder muss erst beweisen, ob der Regler auf der Loser-Skala nicht auch bei ihm in die Höhe schießt.

Peinlich berührt von Isabellas Versagen gab jeder der weiterenProbanden sein bestes, um den Emo-Meter-Test zu bestehen. Tatsächlich gelang es den meisten Teilnehmern, die Verbrennung oder Zerstückelung ihrer Lieblingsgegenstände – Familienfotos, Tagebücher, Briefe, Kunstwerke und ähnliches – ohne zu starke Ausschläge auf der Loser-Skala mit anzusehen. Anschließend folgte die tägliche halbstündige SDB-Diashow. „SDB“ stand für Systematische Desensibilisierung durch Bilder. In schneller Folge wurden den Zuschauern dabei Bilder vorgeführt, die normalerweise eine starke emotionale Reaktion, etwa Wut, Mitleid oder Ekel, hervorrufen. Diesmal hatten die SDB-Spezialisten ein paar besondere Leckerbissen ausgewählt: hungernden Kinder in der Sahel-Zone, Schnappschüsse aus US-amerikanischen Folterlagern, Leichenberge, die bei der Befreiung von Nazi-Konzentrationslagern aufgenommen wurden, verwahrloste Tiere in engen Käfigen sowie von ihren Männern misshandelte Frauen.

Jeweils ein Teilnehmer wurde bei den SDB-Vorführungen an das Emo-Meter angeschlossen. Leider erlaubte es das Budget der AMT-Schule noch nicht, mehr als ein Gerät pro Klasse bereit zu stellen. An diesem Nachmittag war Angela die Versuchsperson. Angela, die die Klasse am Vormittag in der Rolle einer Hartz-IV-Sachbearbeiterin überzeugt hatte, die aber auch an einer sentimentalen Liebe zu einer gewissen Tierart litt, die es auszumerzen galt. „Es sind schon wieder die Eichhörnchen“, sagte Bodo Bormann mit besorgter Miene, als er den Ausdruck der Emo-Meter-Auswertung für Angela in Händen hielt. „Auf einer Skala von 1 bis 10 hast du bei keinem Bild Ausschläge von mehr als 2,7 erreicht. Das ist an und für sich ein gutes Ergebnis, mit einer Ausnahme: Als das Bild aus China gezeigt wurde, in dem Speiseeichhörnchen in engen Käfigen auf dem Markt verkauft wurden, bist du ausgerastet: 7,5 auf der Skala.“

Bormann sah Angela nun ernst an. „Wir müssen da was tun, Angela, ich kann das nicht so stehen lassen, verstehst du?“

Angela nickte beschämt.

„Eigentlich ist es eine Übung, die ich erst nächste Woche durchführen wollte. Aber da besonderer Handlungsbedarf besteht, kann ich sie für dich vielleicht vorziehen.“ Bormann tippte nun eine Nummer in sein Handy und fragte seinen Gesprächspartner knapp: „Boris, wäre Squirrel Strike 2.0 in einer Viertelstunde betriebsbereit? Gut, super! Danke, Boris. Also Angela, mach dich fertig. Du kommst mit mir. Und für die anderen erst mal Raucherpause. Wir treffen uns in genau einer Viertelstunde bei den Tierkäfigen.“

Stufe 3:

Angela war zunächst erleichtert gewesen, als Bormann von „Squirrel Strike“ gesprochen hatte. Eine schwierigere Version der virtuellen Eichhörnchenjagd, das würde sie verkraften. Recht zuversichtlich trottete sie hinter ihrem Kursleiter her, geschmeichelt über die besondere Aufmerksamkeit, die ihr der gut aussehende Bodo nun unverhofft zuteil werden ließ. Viele Frauen ihres Alters träumten davon, mit einem Seminarleiter ins Bett zu gehen. Seminarleiter wirkten selbstbewusst, kompetent, stets souverän und waren mit dem unwiderstehlichen Nimbus der Macht behaftet. Ein guter Kursleiter vermochte es mehrmals täglich auf elegante Weise den Willen seiner Schülerinnen und Schüler zu brechen. Angela erregte das. Sie hatte einen schwachen Vater gehabt hatte, einen sanften und gutmütigen Kerl, der mit einer Affenliebe an ihr hing und der jeden Jugendstreich mit einem beschwichtigenden „Schon gut“ verzieh. Angela hatte sich geschworen, nie so zu werden wie ihre Vater. Sie wollte hart werden und sich im Berufsleben bewähren.

„Entschuldige, Angela. Mir ist das entfallen. Was war noch mal dein Berufswunsch?“

„Ich mache ein Praktikumsjahr als Wärterin in einem Frauengefängnis mit der Option, später ins Gefängnismanagement aufzusteigen.“

„Ah, sehr gut. Du wirst sehen, unser Training wird dir die nötigen mentalen Voraussetzungen vermitteln, um das durchzustehen. Aber du musst versprechen, dass du dein bestes gibst, Angela. Dass du nicht zurückweichst, auch wenn ich dir jetzt etwas zumuten muss, was schwer für dich ist. Versprichst du mir das Angela?“ Bodo beugte sich bei diesen Worten beunruhigend nah zu Angela hinunter, so dass sie seinen minzigen Atem riechen konnte.

„Ja, Bodo“, sage Angela gefasst, fühlte sich jetzt aber sehr nervös. Was sollte das für ein Computerspiel sein, das laut Bodos eine schwere Prüfung für sie darstellen würde?

Dann sah sie die Anlage. Ein Käfig aus durchsichtigem Hartplastik, einem riesigen Eiswürfel gleich – ungefähr 5 mal 5 mal 5 Meter im Umfang. Darin waren wie in einem Tiergehege verschiedene abgesägte Baumstämme aufgestellt, von denen Äste abzweigten. Seile waren dazwischen gespannt, eine Öffnung, etwa zwei Handbreit im Durchmesser, führte in das Gebäude hinter dem Käfig. Am merkwürdigsten aber war eine in die Plastikwand eingelassene Schießanlage. Eine Art fest montiertes Maschinengewehr war durch einen beweglichen Gummikragen mit der Glaswand verbunden, so dass nichts neben dem Gewehr hinein oder hinaus schlüpfen konnte. Der Lauf des Gewehrs ragte in den Käfig hinein, Kolben und Auslöser waren dagegen von außen frei zugänglich. Jetzt erst erkannte Angela in Bodennähe große Düsen, mit denen man wohl den ganzen Behälter durchspülen konnte wie eine gigantische Nasszelle.

„Ist dir klar, worum es hier geht, Angela?“, fragte Bodo mit einer für ihn ungewöhnlich begütigenden Stimme.

Angela nickte und versuchte, ein Zittern zu unterdrücken.

„Squirrel Strike ist kein Computerspiel.“

„Natürlich nicht.“

„Du zielst hier durch das Display. Siehst du, hier hast du den ganzen Käfig im Sichtfeld. Der Auslöser ist hier. Ein kurzer Druck, und du feuerst einen Schuss ab. Wenn du länger als zwei Sekunden auf dem Auslöser bleibst, bekommst du MG-Feuer, so lange bis du wieder loslässt. Du hast 166 Schuss. Wenn du nachladen möchtest, melde dich, aber ich denke, für’s erste Mal reicht ein Magazin.“

Angela hatte die Waffe fest an ihre Schulter gedrückt und blickte konzentriert auf das Display. Sie war froh, dass Bodo in diesem Augenblick nicht in ihrem Gesicht lesen konnte. Sie wollte nur noch eins: es hinter sich bringen. Mechanisch spannte sie ihre Muskulatur – Bauch, Kiefer und Nacken – an und wartete.

Dann kamen die Eichhörnchen herein. Sie quollen wie ein Fischschwarm dicht aneinander gedrängt aus der schwarzen Öffnung, ein rotbraunes, flauschiges Bündel, das in Windeseile in Einzelteile zerfiel, in dutzende possierliche Tierchen, die sich in bogenförmigen Sprüngen über die Äste, Stämme und Seile des Geheges nach allen Seiten hin verteilten. Sie wirkten so lebendig, diese Eichhörnchen. So überaus begeistert von ihrer eigenen Beweglichkeit und offenbar zusätzlich erregt durch die unverhoffte Freiheit nach langer Gefangenschaft in einem lichtlosen Loch. Jedes Eichhörnchen war für Angela stets ein Quell der Freude gewesen, wenn sie ihm bei einem Spaziergang am Waldrand zufällig begegnete. Meist waren es nur flüchtige Momente, bevor das scheue Tier wieder an einem Baum empor huschte und im Blätterdickicht verschwand. Ein ganzer Käfig voller Eichhörnchen, das war ihr Kinderwunsch gewesen, ein Traum, der sich in der Realität nie erfüllt hatte. „Sie brauchen ihre Freiheit“, hatte ihr der sanftmütige Vater eingeschärft. „Du kannst sie nicht für dich behalten. Sie erscheinen dir nur, wenn sie es selbst wollen. Aber wenn das geschieht, freu dich über die Augenblicke eures Zusammenseins!“

Beim Gedanken an ihren weichlichen Vater spürte Angela einen Anflug von Wut. Nie hatte er in seinem Leben wirklich etwas fertig gebracht. „Es geht uns doch auch ohne viel Geld recht gut“, waren seine Worte gewesen, wenn er auf seine dahindümpelnde Karriere angesprochen wurde. Oder: „Man muss Verständnis haben. Jeder macht es doch nur so gut, wie er eben kann.“ Stets hatte ihr Vater für sein eigenes Versagen und für das anderer Menschen Ausflüchte gelten lassen. „Das bin nicht ich“, schoss es Angela durch den Kopf. Dann drückte sie ab …

Als sie fertig war, setzten sich surrend lange, mechanische Besen in Bewegung, die aus der Wand kamen. Zusammen mit den Wasserdüsen reinigten sie den Glaskäfig von den Überresten des Massakers. Keines der Eichhörnchen hatte überlebt. Angelas Puls ging noch ein wenig schneller, aber ihr Atem begann schon wieder, sich zu normalisieren. Sie erinnerte sich nicht mehr an alles, was geschehen war, nur an eine Art von kaltem Rausch, wie er sich manchmal einstellt, wenn man ganz in ein Shooter-Computerspiel vertieft ist. Man hat in solchen Momenten den Eindruck: „Das bin gar nicht mehr ich, die schießt. Es geschieht einfach. Es schießt“.

„Es ist gut, Angela“, sagte Bodo mit sanfter Stimme und legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Du hast es geschafft“.

In Angela erhob sich ein kaltes, stilles Triumphgefühl. Sie hatte einen entscheidenden Durchbruch erzielt, den endgültigen Sieg über ihre seit der Kindheit gepflegte, unüberwindlich scheinende Schwäche. In ihr war keinerlei Bedauern mehr, keine Reue, kein Ekel.

Angela empfand nichts mehr.

Sie war frei.

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