Das Bollwerk «Deutsche Leitkultur»

 in HdS-Klassiker, Holdger Platta

Zu den Anmaßungen einer Integrations-Idee sowie zu einer Alternative dazu. Analyse eines Kampfbegriffs. Nun hat sich auch unser aller Innenminister, Herr Thomas de Maiziere, in den Geschichtsbüchern verewigt. In der BILD-Zeitung, ausgerechnet dort, hat er sich ausgemärt zum Thema „Leitkultur“. Und herausgekommen ist – ein Wunder bei diesem Publikationsort? – ein Sammelsurium von Sprüchen, die jeglicher Beschreibung spotten. „Wir sind nicht Burka!“, heißt es da zum Beispiel, allen Ernstes. Und am liebsten hätte de Maiziere wohl angefügt: „Ich bin Anzug!“ Oder lieber noch, im originalen BILD-Zeitungs-Deutsch: „Wir alle sind“ – immer noch – „Papst!“ Die BILD-Zeitung wählte er dabei als Plattform aus – nomen est omen -, jenes Blatt also, das wir seit langem BLÖD-Zeitung nennen dürfen und das – welch Nachweis von „Leitkultur“! – seit Jahren gegen Arbeitslose hetzen durfte mit Begriffen wie „Parasiten“ und „Sozialschmarotzer“, mit Wörtern, die sich in dieser Häufung nur noch in „Mein Kampf“ von Adolf Hitler finden lassen. (Holdger Platta)Und allen Ernstes zählt Herr de Maiziere den Handschlag zwischen Mann und Frau zur deutsch-jüdischen „Leitkultur“, obwohl genau dieser, der Handschlag zwischen Mann und Frau, auch bei den orthodoxen Juden, in der Halacha, ihrer Gesetzessammlung, verboten ist! – Keine Ahnung also, der Mann an der Spitze des Innenministeriums, aber eine Meinung stattdessen! – Nun, auf ungleich höherem Niveau befasst sich unser Autor Holdger Platta nochmals mit dem Thema „Leitkultur“ und kommt dabei – welch Wunder! – zu ganz anderen Ergebnissen als BLÖD-Zeitungs-Mitarbeiter Thomas de Maiziere. Kurz also: wer wirklich Auskünfte zu diesem Thema haben will, seriöse Auseinandersetzung mit einer Ideologie und mit einem Begriff, der findet sie hier:

Am Sonntag, den 18. Juni 2006, gaben die „Berliner Philharmoniker“ auf der Waldbühne ihrer Heimatstadt ein Konzert, wie üblich zur Beendigung der vorangegangenen Saison. Dirigent des Abends war der Estländer und heutige US-Bürger Neemi Järvi, als Solistinnen wirkten mit die niederländische Geigerin Janine Jansen sowie die norwegischen Opernsängerinnen Marita Solbert (Sopran) und Ingebjörg Kosino (Mezzo). Das Musikprogramm stand unter dem Motto „Tausendundeine Nacht“, und in der Tat wurden vor allem Kompositionen gespielt, die das Publikum in den nahen oder fernen Orient entführten: die Ouvertüre zum Beispiel zur „Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart, der „Orientalische Festmarsch“ aus der Suite „Aladdin“ von Carl Nielsen, einem dänischen Komponisten, und schließlich die berühmte „Meditation“ von Jules Massenet aus dessen Oper „Thais“ sowie Orchesterstücke aus der symphonischen Suite „Sheherazade“ von Nikolai Rimsky-Korsakov und Teile aus der Bühnenmusik zu „Peer Gynt“ von Edvard Grieg, letzteres deshalb, weil das gleichnamige Theaterstück von Ibsen zum Teil in arabischen Ländern spielt. Ohne Übertreibung läßt sich sagen: dieses Waldbühnenkonzert war zugleich ein Weltbühnenkonzert. Die Stars des Abends stammten aus Norwegen sowie aus Estland beziehungsweise den USA, die Orchestermitglieder aus über 25 Ländern, vertreten sämtliche Kontinente dabei, und die Komponisten der Musikstücke kamen aus Österreich, Dänemark, Russland, Frankreich und Norwegen. Ein Fest des Internationalismus also, eine einzige Absage an jedwede nationalistische Verbohrtheit! Aber auch  realisierte Utopie der Integration all dieser Nationen? Der Integration unzählig vieler Kulturen?

Das eben gerade nicht! Indes: um den antinationalistischen Charakter dieses Festspielabends nicht kleinreden zu wollen, die folgenden Vorbemerkungen noch:

Diese riesige Bühnenanlage im Berliner Grunewald, gestaltet nach dem Vorbild griechischer Amphitheater, war von den Nazis errichtet worden, 1936, pünktlich zu den Olympischen Spielen im faschistischen Deutschland. Von Joseph Goebbels eingeweiht, sollte es nach dem Wunsch der NS-Erbauer vor allem germanische „Thing-Bühne“ sein, Stätte reindeutscher Theateraufführungen. Und: benannt war die Waldbühne damals nach Dietrich Eckart, einem Nationalsozialisten der ersten Stunde, einem Mann, dem Adolf Hitler als dem „Besten“ von allen „Getreuen“ sein Buch „Mein Kampf“ gewidmet hat. Heißt: gemessen an dieser Vorgeschichte, gemessen daran, daß der nationalsozialistischen Ideologie zufolge nur noch deutsches Denken, deutsche Künste, deutsche Künstler Geltung haben sollten, realisierte sich an diesem 18. Juni 2006 durchaus ein Gegenentwurf zu nationalistischem Denken und zu nationalistischer Praxis! Wie schön! Die Welt ist eine Welt geworden. Aber gleichwohl: auch ein Modell der Integration?

Ich verneine dies. Und um überleiten zu dem, was ich unter „Integration“ verstehe, unter „Integration“, bei der nicht der große Fisch den kleinen frißt, begründe ich auch dieses „Nein“:

Erstens: wenn sich Integration auf derartigem Höchstleistungsniveau abspielt, bleibt die Frage offen: bezieht diese Integration auch alle anderen Menschen mit ein? Oder ist Leistungsselektion die Grundprämisse solcher Art der freundlichen Aufnahme von Fremden bei uns?

Zweitens: Bleibt Integration in dieser Variante nicht nur begrenzt auf Kultur? Was ist mit Integration im Alltags-Leben, was ist mit Integration in den Bereichen des ‚Bloß-Zivilisatorischen’?

Drittens: Hat an diesem Konzertabend wirklich Integration der Weltkulturen stattgefunden? Oder hörte man nicht durchweg nur europäische Musik, versetzt mit einigen Orientalismen? Und Überwindung des Hegemonialanspruchs westlicher Kultur fand an diesem Abend gerade nicht statt? Ich denke: so sehr das alles auf begeisterndste Weise eine Internationalismusfeier war, ein Integrationsbeispiel war dieser herrliche Konzertabend nicht!

Das bedeutet für mich, ins Positive gewendet: von Integration kann nur die Rede sein, die nicht an die Vorbedingung der erbrachten Höchstleistung geknüpft ist und beschränkt bleibt auf Westen und Kultur. Von Integration kann erst gesprochen werden, wenn potentiell jeder Zuwanderer freundliche Aufnahme findet bei uns, unabhängig von Höchstbegabung und sozialer Zugehörigkeit, und zwar freundliche Aufnahme findet bei uns gerade unter Anerkennung seiner Verschiedenheit im Vergleich zu uns! Integration ist nicht, was dem Zuwanderer Anpassung, Aufgabe der Eigenart, Unterwerfung abverlangt, auch keine Zwangsmitgliedschaft in irgendeinem deutschen Verein oder eine Brieftasche voller Geld. Integration ist nur, was die Integrität der Betreffenden, die zu uns kommen, weder zerstört noch zu zerstören trachtet! Ohne Integrität keine Integration!

Und damit habe ich meine erste, mir ganz wichtige These formuliert: ohne Anerkennung des anderen in dessen Andersheit kann ich keine „Integration“ als Integration anerkennen! Und daß es ohnehin ratsam sein dürfte, diesen Begriff der „Integration“ auszutauschen gegen einen anderen, gegen einen humaneren Begriff, das hoffe ich noch darlegen zu können. An dieser Stelle sei zunächst aber noch das Folgende allen Integrationsverlangern ins Stammbuch geschrieben:

Integrität besitzt eine doppelte Bedeutungsdimension: unter ihr verstehen wir zum einen die körperliche und auch (!) seelische Unversehrtheit des Menschen. Und zum anderen ist mit dem Begriff der Integrität  auch die moralische Unangreifbarkeit eines Menschen gemeint – und ich sage an dieser Stelle bereits, aus vielerlei gegebenem Anlaß: die Würde des Menschen! Das bedeutet: „Integration“ ist Wahrung oder Wiederherstellung dieser doppelten Unversehrtheit!

Integration, die dem anderen Menschen aber genau dieses abtrainieren will, dessen Integrität nämlich in diesem doppelten Wortsinn, die stellt sich gegen die Würde des anderen Menschen. Deshalb ist Integration, die auf Integritätszerstörung pocht, auch ein Widerspruch in sich selbst: diese Art von Integration nimmt den Fremden nur bei uns auf, wenn der Fremde aufgibt, was für uns fremd an ihm ist. Integration des Clon-Identischen ist aber keine Integration, sondern Karikatur derselben. Wer nur sein Spiegelbild begrüßen mag, zeigt sich nicht an dem Fremden interessiert, sondern feiert nur seinen eigenen Narzissmus. Er will sich im Grunde nur selber sehen.

Mit diesem Begriff des Narzißmus und mit diesem verqueren Verständnis von Integration, bin ich bei einem Hauptbegriff meines Beitrags angelangt, beim Slogan nämlich von der „deutschen Leitkultur“. Mir scheint, bei dieser Phrase haben wir es mit der nach wie vor entscheidenden Propagandaformel für ein integritätszerstörendes Integrationsverständnis zu tun und mit blankem nationalistischen Narzißmus. Was, bitteschön, wird also verstanden unter „deutscher Leitkultur“?

Nun, sehen wir einmal davon ab, daß der Göttinger Wissenschaftler Bassam Tibi, Politologe und Syrer von Hause aus, 1998 einen durchaus anderen Begriff in die Debatte brachte – „europäische Leitkultur“ nämlich -, so stürzten sich unverzüglich zahlreiche Meinungsmacher in der Bundesrepublik auf diesen Begriff und modelten ihn um zur „deutschen Leitkultur“. Während Tibi lediglich „Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft“ unter diesem Begriff verstand und dem Konzept der „deutschen Leitkultur“ eindeutig widersprach, betrieben diese deutschen Publizisten und Politiker sofort eine Nationalisierung dieses Führungsanspruchs. Bereits Theo Sommer, angeblich liberaler Mitherausgeber der angeblich liberalen Wochenzeitung „Die Zeit“, deutete im Frühsommer 1998 „Integration“ um in ‚aternativlose’ Anpassung an die „deutsche Leitkultur und deren Kernwerte“ und setzte damit ein zwangsautoritäres Assimilationsverständnis in die Welt. Schon hier war also nationalistische Oberherrschaft der deutschen Kultur angesagt, und Heterogenitätsdenken mit dem Fremden auf Augenhöhe hatte in diesem „Kulturdenken“ keinen Platz.

Friedrich Merz, seinerzeit Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, brachte dann im Oktober 2000 diese Vielfältigkeitsfeindlichkeit auf den eigentlichen Punkt: Absage an jedwede Form von „Multikulturalismus“ sei angesagt. Daß solcherart Monopolanspruch bei der Kulturdefinition auf Kultursimplifizierung hinausläuft, auf Verneinung und Vernichtung der anderen gelebten Kulturen im eigenen Land, war dem betreffenden Propagandisten dabei durchaus bewußt.

Und selbst ein Ernst Benda, bis 1983 Präsident des Bundesverfassungsgerichts, unterstützte Sommer und Merz bei diesem ‚Diskurs’.

Einen weiteren kulturbornierten Akzent brachte dann der Historiker Paul Nolte in die Debatte, seinerzeit Professor an einer kommerziellen Universität in Bremen: nicht nur an „deutscher Leitkultur“ sollten sich gefälligst alle Zuwanderer anpassen, sondern gleich auch noch an „bürgerliche Leitkultur“. Nicht nur der Chauvinismus von Deutschen meldete sich damit zu Wort, sondern gleich auch noch der Chauvinismus der deutschen Mittelklassen! 2004 war das und erinnerte fatal an den Umstand, daß fremdenfeindliches Denken bereits vorher einmal vor allem von diesen Mittelklassen ausgegangen war, während der Weimarer Republik nämlich, als ganz überwiegend alter und neuer Mittelstand zu den Nazis überzulaufen begann. Der Historiker Nolte hätte das eigentlich wissen können!

Doch auch klügere Vertreter der bundesdeutschen Politik trugen zur Legitimation einer derartigen Bevormundungskultur bei. Norbert Lammert meldete sich zu Wort, bereits damals, im Jahre 2005, Bundestagspräsident. Europa habe eine „kollektive Identität“ zu entwickeln, so Lammert am 13. Dezember 2005 in der „Welt“, diese „kollektive Identität“ brauche eine „politische Leitidee“, die sich „notwendigerweise auf die gemeinsamen Wurzeln, auf die gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame religiöse Traditionen“ zu beziehen habe. Zugegeben: das befürwortete eher europäische, nicht deutsche „Leitkultur“. Aber sollte dem Bundestagspräsidenten wirklich unklar geblieben sein, daß all diese „Gemeinsamkeiten“ nicht abverlangt werden können von Menschen, die eben nicht von Anfang an Abendlandbewohner gewesen sind? Daß also Zugangsmöglichkeit abhängig gemacht wird von einem Nachholbedarf, der schlicht wegen Zeitablaufs nicht nachgeholt werden kann? Daß hier also ein eurozentristischer Monopolanspruch vertreten wird, der einem Zwangsausschluß aller Nichteuropäer gleichkommt? Und dieses wäre „Integration“?

Jörg Schönbohm, CDU-Mitglied und seinerzeit Innenminister des Landes Brandenburg, forderte 2007 gleichwohl von allen Einwanderern ein Selbstumerziehungsprogramm: die Migranten hätten ihren Beitrag zur Integration zu leisten dadurch, daß sie sich den in Deutschland „gewachsenen kulturellen Grundvorstellungen“ annäherten! Half demzufolge gegen die Nichtgemeinsamkeiten eines Lammert doch eine Zwangspädagogik?

Nun, Alexander Dobrindt, seinerzeit CSU-Generalsekretär, sah das 2010 wiederum anders: für ihn geht „deutsche Leitkultur“ auf Christentum und Antike zurück, auf „jüdische Wurzeln“, „Aufklärung“ und „Humanismus“. Titel seines Beitrags im „Bayernkurier“: „Verweigerer deutscher Leitkultur gehören nicht nach Deutschland“. So hört sich der verbale Rauswurf aller Muslime an, die an der eigenen Religion festhalten wollen. Mit aufgeklärtem Humanismus hat diese Islam-Exklusion nichts, aber auch gar nichts zu tun. Ein Europa, das aus seiner Geschichte gelernt hat, klingt so jedenfalls nicht! Und der Titelbegriff meines Beitrags „Bollwerk“ drängt sich hier geradezu auf!

An dieser Stelle eine Systematisierung meiner Kritik an diesem Vorurteilskomplex „deutsche Leitkultur“:

Erstens: An all den zitierten Äußerungen fällt auf: alleinige Definitionsmacht darüber, was „Leitkultur“ sei, schreibt sich hier das ‚Gastgeberland’ selber zu; eindeutig vertritt dieses Deutschland die Dominanz- oder Hegemonialkultur. Man könnte sagen: wir haben es mit Kulturimperialismus in einer Inlandsversion zu tun.

Zweitens: der Begriff der „Kultur“ wird ganz überwiegend nationalisiert – und damit auch jeder einzelne Mensch, der ihr zugerechnet wird oder nicht. Das bedeutet: auch die individuelle Identität eines jeden Einzelnen spielt hier keine Rolle mehr. Was zählt, ist dessen ‚nationale’ Zugehörigkeit, sonst nichts. Daß ein jeder von uns mehr ist als nur Angehöriger einer Nation: egal! Und es ist nur logisch, bei einer derartigen Reduktion des Identitäts-Begriffs auf ‚nationale’ Zugehörigkeit, daß dann Leute herumlaufen, die darauf „stolz“ sind, „Deutsche“ zu sein! An dieser Stelle eine Gegenfrage nur: wie kann ich „stolz“ darauf sein, daß Beethoven die 9. Sinfonie geschrieben hat? Sorry, dieser „Stolz“, dieses nationalistische Identitätsverständnis, ist größenwahnsinnig und gleichzeitig infantil!

Drittens: Die „Fremden“, die von draußen kommen (und ergo ‚ihren’ Beethoven nicht mitbringen können), können also aus deutscher Leitkultur-Perspektive nur eines sein: Objekte! Objekte von Assimilationsforderungen, von Arroganz und Unterwerfungsansprüchen!

Viertens: Besonders auffällig dabei: die Schwammigkeit dessen, was da eigentlich unter „deutscher Leitkultur“ verstanden werden soll. Alles, was den Definitionsbeherrschern zupaß kommt, kann demzufolge aufgesogen werden von diesem Schwamm – bis runter zu sogenannt ‚guten Eßmanieren’: Messer rechts und Gabel links vom Teller! Mit „deutscher Leitkultur“ donnert sich ein undefinierter – ergo unbegrenzter! – Führungsanspruch auf bis zu völliger Unüberprüfbarkeit!

Fünftens: Gleichwohl äußerst präzise hingegen die Exklusionskritierien, die mit diesem Slogan „deutsche Leitkultur“ geliefert werden. Davon hörten wir schon. Weil kein Türke von Hause aus über eine gemeinsame Geschichte mit uns verfügt, gehört er auch nicht zu uns. Die Historisierung des Begriffs „deutsche Leitkultur“ führt zu einem Integrationsausschluß mit Ewigkeits-Charakter!

Sechstens: Noch unverschämter dabei die Theologisierung des Begriffs „deutsche Leitkultur“. Plötzlich, als hätte es jahrhundertelange blutigste deutsche Antisemitismus-Geschichte nicht gegeben, wird nunmehr auch jüdische Tradition für „deutsche Leitkultur“ usurpiert, und,  untrennbar damit verknüpft, wird die islamische Religion von eben dieser – angeblich! – deutsch-jüdischen Leitkultur ausgeschlossen. Diese Theologisierung der Phrase „deutsche Leitkultur“ nimmt also die berühmte „Ring-Parabel“ von Gotthold Ephraim Lessing wieder zurück .

Siebtens: Auffällig an dieser Phrase von der „deutschen Leitkultur“ ist dabei die verbale Verschleierung des damit verknüpften Führungsanspruchs. Der Autoritarismus wird hochgejubelt zur Kultur, das „Führen“ zu „Leiten“ heruntergedimmt. Kurz: dieser Slogan verbirgt gleichzeitig seine eindeutig antidemokratisch-herrschaftslegitimierende Funktion und hat mit „Kultur“ im übrigen gar nichts mehr zu tun. Denn ganz einfach gesagt: Kultur mit Führungsanspruch ist keine Kultur. Beziehungsweise positiv formuliert: Kultur, das ist prinzipiell in Augenhöhe leben mit dem, was fremd und anders ist!

Achtens: Dabei sollte auch der Selbstbeweihräucherungscharakter dieser Formel „deutsche Leitkultur“ nicht unbeachtet bleiben. Es darf bezweifelt werden, ob ein Begriff wie „Kultur“ die realen deutschen Verhältnisse wirklich trifft. Allein die Behandlung der Alten, der Armen, der Arbeitslosen in unserem Land spricht eine andere Sprache (und selbstverständlich auch die Behandlung der Zugewanderten bei uns!). Die Sache ist aber auch der Geschichte nach falsch! Weder Aufklärung noch Humanismus, weder Wissenschaften noch Künste können derart ahistorisch Deutschland gutgeschrieben werden! Sie alle sind im Weltenaustausch entstanden – Künste und Wissenschaften kennen keine nationalen Grenzen, an denen sie haltmachen mit ihrer Neugier und Lernbereitschaft. Ganz besonderer Unfug dabei das Ineinssetzen der „deutschen Leitkultur“ mit Aufklärung und Humanismus, mit Menschenwürde und Menschenrechtsphilosophien. Auf all diesen Gebieten sind die Deutschen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eher die Nachzügler gewesen, nicht deren Avantgarde, ja, was die deutschen Mehrheiten bis Mitte des 20. Jahrhunderts betrifft, einschließlich ihrer sogenannten „Eliten“, sogar Gegner eher und Feinde von „welschem“ Rationalismus“ und „jüdischer“ Menschenrechtsphilosophie. Wie so oft, vernebelt auch hier die Selbstbeweihräucherung den klaren Blick und die Luft, und Arroganz erweist sich ein weiteres Mal als Zwillingsschwester der Ignoranz!

Neunter Punkt: Wenn schon diese Menschenrechts- und Aufklärungsgeschichte primär gerade nicht deutsch war, so war nichtmal deutsche Geschichte insgesamt im nationalstaatlichen Sinn deutsch! Erinnern sich diese Herren der „deutschen Leitkultur“ nicht? – Was dem „Dritten Reich“ und dem „Zweiten“ vorausging – dem Bismarck-Reich, abgekürzt formuliert -, das war als sogenanntes „Erstes“ oder „Altes“ Reich kaum mehr als ein begrifflicher Anspruch! – „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation“, das war in Wirklichkeit nichts anderes als ein „Personenverbandsstaat“, wie die Historiker diese merkwürdige Konstruktion nennen, ein Sammelsurium diverser Verträge, mal gehalten und öfters gebrochen von Kaisern und Königen, Kurfürsten und Päpsten, von Herrschern, die sich selber zumeist als Venezianer oder Ungarn verstanden, als Österreicher oder Franzosen, als Bayern, Franken, Sachsen oder sonstnochwas, als eines aber ganz gewiß nicht: als nationalstaatlich deutsch. Deutsche „Nation“, das gab es so wenig, wie es deutsche „Kultur“ gab. Entsprechend stellen Begriffe wie „deutsche Kultur“ und „deutsche Nation“ auch eher konservative Rückprojektionen dar oder bornierte Wunschträumerei! „Deutsche Nation“, das ist nicht Geschichte, sondern Erfindung der Geschichte! Kurz: bei der Formel der „deutschen Leitkultur“ wird der Mund sehr voll genommen, aber mit leeren Begriffen! Und damit zum zehnten Punkt:

Wenn gleichwohl Zuwanderern abverlangt wird, sich zu „integrieren“ in diese vermeintlich existierende deutsche Identität, dann verlangt man diesen Zuwanderern eigentlich die Identifizierung mit einer Betrugsvokabel ab! So real die Forderungen sind, die an diese Phrase von der „deutschen Leitkultur“ geknüpft sind – Kopftuch weg und rein in den deutschen Schießsportverein, gute Schulnoten und bitte „kein Einmarsch in die deutschen Sozialsysteme“ -, so fingiert ist die Begründungsformel dafür. Und deswegen kommt diese „deutsche Leitkultur“ auch erst in einem Maßnahmenkatalog gegen Zuwanderer recht eigentlich zu sich selbst, in einer Kontra-Identifikation. Ich bin damit beim letzten Punkt.

Dieses Denken und Empfinden in den Kategorien der „deutschen Leitkultur“ geht vor allem von einem aus:

Das Andere, das mit den Zuwanderern zu uns kommt, ist das Fremde; das Fremde, das da zu uns kommt, ist das Potentiell-Gegnerische; und das Potentiell-Gegnerische ist das auf jeden Fall Zu-Eliminierende! – „Anpassung“, „Assimilation“ sind nur freundliche Umschreibungen dafür! Die Formel von der „deutschen Leitkultur“, der sich die Zuwanderer zu unterwerfen hätten, macht aus Verschiedenheiten einen Gegensatz. Und das Andere ist keinesfalls – gar zwangsläufig oder mit (psycho-)logischer Unvermeidbarkeit – „Gegenteil“ oder „Gegensatz“!

Im Namen einer Propagandaphrase, an der alles falsch ist – der Führungsanspruch, das bornierte Kulturverständnis, der Nationalismus –, soll ausgelöscht werden, was als Fremdes zu uns kommt und wagt, andersartig zu sein! Und damit komme ich zu meinem entscheidenden Punkt, zu der Frage: wie hat eine Gastgebergesellschaft mit Kultur auszusehen, deren Verständnis von Integration nicht identisch ist mit Zerstörung fremder Integrität? Und: welcher Begriff wäre tauglicher für die gute Aufnahme von Menschen bei uns, besser als dieser Begriff der „Integration“?

Nun, ich halte diesem Bollwerk-Denken ein Konzept des Respekts und der Akzeptanz, der Neugier, Sympathie und Offenheit entgegen, und ich begründe dieses andere Konzept so:

Andersartigkeiten, das bedeutet Verschiedenheiten; Verschiedenheiten, das bedeutet Vielfalt; Vielfalt, das bedeutet Versammlung von Einmaligkeiten; Versammlung von Einmaligkeiten bedeutet Reichtum, nicht Verarmung und Gefahr, und dieser Reichtum bedeutet nicht Geldbesitz, sondern persönliches und gemeinschaftliches Wachstum!  Es geht um die gemeinschaftliche  Wachstumskultur der Verschiedenheiten und Eigenheiten! Und deshalb sage ich:

Ein Ort,  wo es auch eine Moschee gibt und der Ruf des Muezzin erklingt, ist reicher als der Ort, wo mittags nur die christlichen Glocken zu hören sind. Und gerne füge ich hinzu, ohne irgendeinem Türkisch-Stämmigen in Deutschland Verantwortung aufhalsen zu wollen für die Verhältnisse in seinem Herkunftsland: dies gilt auch für Izmir oder Adana. Dort wird es ebenfalls reicher zugehen, wenn auch christliche Glocken erklingen dürfen, nicht nur der Ruf des Muezzin! Und hüben wie drüben, in beiden Gesellschaften, wenn sie denn beanspruchen wollen, Kulturen zu sein, hat selbstverständlich auch der Nichtgläubige Platz – also einer wie zum Beispiel ich!

Es ist die Stelle innerhalb meines Beitrags, an der ich einen anderen Begriff als den Begriff der „Integration“ vorschlagen möchte.

Wenn wir unsere Verschiedenheiten so zusammendenken, im Sinne der Bewahrung wie im Sinne der Verbundenheit, wieso dann nicht diese Verschiedenheiten zusammendenken im Sinne von Lern- und Wachstums-Chancen für alle Beteiligte? Wieso dann nicht zurückgreifen auf ein Konzept und auf einen Begriff, den uns der Schweizer Psychoanalytiker Jürg Willi schon vor mehr als 30 Jahren vorgeschlagen hat: auf das Konzept und den Begriff der „Ko-Evolution“, auf die „Kunst“, wie er sagte, „des gemeinsamen Wachsens“?

Individuum und Kultur insgesamt, Künste und Wissenschaften, Wirtschaft und Politik, so Willi, können sich nur in der Wechselwirkung zueinander entfalten. Nicht in der Abschirmung von Außeneinflüssen entwickeln wir uns weiter, so der Zürcher Psychotherapeut, sondern durch wechselseitige Herausforderung, Empathie und Akzeptanz, durch Stärkung des Jeweils-Einzelnen und durch Beförderung der Verbundenheit aller! Das bedeutet in unserem Zusammenhang:

Integrationspolitik als Ko-Evolution ist stets auch Selbstveränderungspolitik auf Seiten der ‚Gastgebergesellschaft’! In diesem Sinne stellen Zuwanderer – egal, welcher Herkunft und Art – nicht nur ‚Objekte’ von irgendwelchen ‚Maßnahmen’ dar, sondern auch Subjekte, die von ihren Partnern auf der anderen Seite ebenfalls Aktivitäten erwarten dürfen. Konkret:

Deutschkurse für Ausländer an den Volkshochschulen: o.k.! Aber bitte auch Kurse für Inländer an den Volkshochschulen über den Islam, über türkische Literatur und Musik!

Was Kinder ab dem dritten Lebensjahr gebacken kriegen – Neugier und Interesse, Sympathie und Offenheit für alles Fremde -, das sollten auch Erwachsene noch hinbekommen: von anderen lernen können und das Andere lernen wollen! Übrigens ist letzteres nicht zuletzt ein Definitionskriterium von Kultur: sie will lernen, nicht leiten!

Was alles deutsche Inländer daran hindert, diese Offenheit und Selbstveränderungsbereitschaft aufzubringen, kann ich hier nicht erläutern, nicht auch die Gründe für Fremdenfeindlichkeit und Fremdenangst. Da möchte ich nur feststellen, daß dies alles keine angeborenen Naturkonstanten sind. Betonen möchte ich zum Schluß, was gemeinsame Geltungsgrundlage für uns alle bei diesem Ko-Evolutionskonzept ist: es ist das Menschenrechtsdenken im universellen Maßstab, es ist das, was von Hans Küng, dem katholischen Theologen, als Projekt des „Weltethos“ ins Leben gerufen worden ist, es ist das, was als sogenannte „Goldene Regel“ überall auf diesem Erdball entwickelt worden ist, und das vor urlangen Zeiten schon, im Hinduismus nämlich und im Judentum, im Buddhismus, im Christentum und im Islam. Wenn es im deutschen Volksmund heißt: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem andren zu!“, so hat das der Islam noch ungleich menschenfreundlicher ausgedrückt, nicht nur als Abwehr des Negativen, sondern als Prinzip der Menschenfreundlichkeit. Ich zitiere Nummer 13 aus den vierzig Hadithen der „Sunna“: „Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht!“ Seinem „Bruder“! Und da ich von der Globalität dieses Menschenrechtsdenkens gesprochen habe, füge ich an dieser Stelle gerne hinzu: auch Heimat ist nur dort, wo dieses Menschenrechtsdenken Gültigkeit hat! Es ist die Utopie des prinzipiell unverletzbaren Menschen, die Utopie ihrer guten Gemeinschaft miteinander bei Wahrung gerade ihrer Verschiedenheiten!

Und wenn Identität zurückgeht auf die Geschichte unserer Identifizierungen – und hier sind individuelle, nicht die verheerend-nationalkollektivistischen Identifizierungen gemeint! -, dann ist menschenrechtliche Identität eben die Geschichte unserer Menschenrechtsidentifizierungen. Und diese gehen – ich betone es noch einmal mit aller Deutlichkeit – weit über sogenannte leitkulturelle und nationalistische Begrenzungen hinaus. Wir Menschen brauchen in unserem Innern nicht mehr Staat im Kopf, sondern unsere Staaten brauchen in ihrem Innern mehr Menschlichkeit!

Und so sage ich:

Überall auf der Welt leben Menschen. Bleiben wir auch Menschen, wenn Menschen aus ‚fremden’ Welten zu uns kommen oder aus Not und Krieg und Hunger zu uns fliehen! Frontex jedenfalls ist das Gegenteil jeglicher Humanität! Und kein Ausländeramt in Deutschland oder der Welt darf verkommen zu einer innerstaatlichen Frontex-Wachstation!

Unabdingbar schützenswert ist alles an Identität bei dem einen, was die Identität bei dem anderen für ebenso unabdingbar schützenswert hält. Nur so stellen wir die Angstfreiheit zwischen den Menschen her und die humane Verbundenheit aller Menschen miteinander – bei Wahrung ihrer jeweiligen Einzigartigkeit. Kein anderer hat das besser ausgedrückt als der türkische Dichter Nazim Hikmet in seiner „Einladung“, in seinem „Davet“:

„Leben wie ein Baum,

einzeln und frei,

und brüderlich wie ein Wald,

das ist unsere Sehnsucht.“

 

 

 

 

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