Die Vermessung des Menschen

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Wir sollen der Wissenschaft blind folgen — gerade dieser totalitäre, quasi-religiöse Anspruch ist jedoch zutiefst unwissenschaftlich. Im 19. Jahrhundert hieß es, „Gott ist tot!“. Im 21. Jahrhundert schwingt sich der Mensch nun selbst zur Gottheit auf. Die Ideologie des Transhumanismus soll die Falten der menschlichen Unzulänglichkeit wegbügeln. Der Tod soll hinausgezögert oder gar komplett abgeschafft werden. Das Mittel zu diesem Zweck ist die Reduktion des Menschen auf ein Set von Zahlen und Daten. Am Ende entstünde ein endlos lebendes Wesen, das — sich immerzu überwachend — seine Langlebigkeit mit all dem bezahlen würde, was Menschsein ausmacht: Intuition, Bauchgefühl und Spontanität. Erste Anzeichen dieser Entwicklung sehen wir in der fast religösen Art, wie wir darauf eingeschworen werden, der Wissenschaft blindlings zu vertrauen. Diese Dynamik hat in Corona-Zeiten auf halsbrecherische Weise an Fahrt aufgenommen. Der Mensch muss wachsam bleiben, um nicht gerade jene Eigenschaften einzubüßen, die keine Wissenschaft der Welt messen kann. Roberto J. De Lapuente

 

Warum wir im letzten Spätherbst in eine weitere Welle schlitterten, war vielen in diesem Lande klar: Weil man nicht auf die Wissenschaft gehört habe. Hätte man dies getan, also strikt die AHA-Regeln auch über den Sommer angewandt, weiterhin Restaurants geschlossen gehalten, dann hätten wir Anfang November viel weniger positiv Getestete gezählt. Aber weil die Politik wissenschaftsresistent sei, konnte das ja nichts werden.

Das ist die Haltung jener, die sich als Aktivisten von No Covid oder Zero Covid zu erkennen geben. Sie behaupten im Namen der Wissenschaftlichkeit zu sprechen, sich ihr unterordnen zu wollen, weil nur das der Weg aus der Pandemie sei. Man dürfe dabei nicht zu viel hinterfragen, um die Moral nicht zu untergraben, und solle es den Fachleuten überlassen. Die Wissenschaft führt uns aus dem Jammertal, wenn wir ihr nur alle Kompetenzen überlassen.

Diese Haltung birgt einen totalitären Anspruch — und wenn sich der Gedanke etabliert, mündet er direkt im Ende des Menschseins, wie wir es kennen. Es ist notwendiger denn je, über die Wissenschaft und ihre Arbeit zu sprechen.

Transhumanismus: Der Gott, der einst Mensch war

Wissenschaftler betätigen sich ja auf vielen Feldern. Im Silicon Valley basteln sie zum Beispiel an der Unsterblichkeit. Das ist zumindest das ganz große Ziel, das vielleicht nicht ganz realistisch ist, aber als Wegweiser dient: Der Mensch soll gesünder werden — und vor allem länger leben. Mancher Experte hält eine Lebenserwartung von zweihundert Jahren für realisierbar. Und dies innerhalb der nächsten fünf Jahrzehnte. Insbesondere die Nanotechnologie soll es richten.

Der israelische Schriftsteller Yuval Noah Harari hat seine „Geschichte von Morgen“ passenderweise mit „Homo Deus“ übertitelt. Für ihn sei das nämlich der nächste Schritt. Dem Homo Sapiens folgt der Homo Deus. Aus dem wissenden Menschen wird der vergöttlichte Mensch: Die nächste Stufe der Evolution geht über das Menschliche hinaus. Und dann ist nichts mehr so, wie wir wissenden Menschen es heute noch kennen.

Harari erklärt, dass sich „die neue menschliche Agenda“ aus dem Humanismus entwickelte. Einer ideengeschichtlichen Vorstellung, wonach der Mensch einen Wert an sich habe. Diese Idee kennen wir alle, wir sind mit ihr groß geworden. Der Transhumanismus allerdings, also jene Vorstellung, dass die menschliche Konditionierung oder menschliche Determinanten durch Technologie überwunden werden können, stellt den nächsten Schritt dar. Speziell der Tod, die prägende Erfahrung des irdischen Daseins über viele Jahrtausende, soll so aus der menschlichen Wahrnehmung getilgt werden.

Der Mensch erhebt sich damit zum Gott, macht sich schier unsterblich, unterzieht seinen von Natur aus anfälligen und als unzureichend gefühlten Körper medizinischer Überholungen. Er lässt seine Vitalwerte per Chip und App dauerüberwachen, sammelt Daten über sich selbst, bewertet seinen Zustand über dieses gesammelte Zahlenmaterial neu, wird auch Entscheidungen des täglichen Lebens von auf diese Weise entworfenen Algorithmen abhängig machen. Die Partnerwahl benötigt dann kein Bauchgefühl mehr, keine prickelnde Spannung, weil man ins Ungewisse springt: Sie lässt sich mathematisch fundiert treffen.

Der verwissenschaftlichte Mensch

Der israelische Historiker nennt das die „Datenreligion“. Die Welt zu einem Zahlensalat geraten zu lassen, in der jederzeit zu allem alles abrufbar ist: Das wird einen ordentlichen Teil der transhumanistischen Zukunft ausmachen. Denn der Körper bleibt ja anfällig und schwach, er braucht eine Grundlage, auf die er bauen kann. Und das ist die Auswertung, die Analyse, damit der Mensch gegen den Verfall ansteuern kann.

Dieser vergöttlichte Mensch ist zugleich nicht weniger als ein verwissenschaftlichter Mensch. Er ist beständig damit konfrontiert, sein Dasein auszuwerten und an Erhebungen auszurichten.

Seine Intuition, ein Selbstgefühl, das nicht auf Zahlen, sondern auf Eindrücken und Empfindungen basiert, wird dabei zunehmend überflüssig, kann ignoriert werden. Wieso mit fehleranfälligen Impressionen oder Stimmungen zu Entscheidungen gelangen, warum also spekulieren, wenn man gesammelte Zahlenreihen heranziehen kann?

Dass die menschliche Lebenswirklichkeit bereits jetzt eine zahlenbasierte Selbstreflexion erfährt, ist uns schon nicht mehr ganz fremd. Wir lassen per App Schritte zählen und uns den Puls messen. Diese Vorstellung der Durchüberwachung des eigenen Körpers wird wohl künftig einen großen Teil der menschlichen Realität ausmachen. Wir vermessen uns selbst und werden aus der Erhebung ableiten, wie wir zu leben haben. Spontanität wird dabei vermutlich ein Auslaufmodell werden. Denn warum ins Blaue schießen, wenn man Zahlen, die schwarz auf weiß stehen, „um Rat fragen“ kann?

Werden dann wieder Oberlehrer in die Gesellschaft hineinwirken, so wie zuletzt, um eine Lanze für die absolute Wissenschaft zu brechen? Werden sie all jene Zeitgenossen kritisieren, die doch noch auf ihren Bauch hören und nicht auf jene Fakten, die irgendwo in langen Zahlenreihen zu finden sind? Müssen wir dann wieder hören, dass es ratsam sei, der Wissenschaft zu folgen, weil sie die tatsächliche Wahrheit kenne? Und nicht etwa jener Einzelne, der auf sich hört, auf sein Gefühl, dieser wilden Spekulation, die auf eigenen Empfindungen gründet?

Alles Menschliche wird uns fremd

Der Transhumanismus gebiert viele Fragen, mit denen sich schon heute meistens Philosophen auseinandersetzen. Wie viel Mensch steckt eigentlich in einem Wesen, das dann zur Hälfte aus künstlichen Teilen besteht? Wie viel Menschlichkeit ist das noch, wenn man als körperlicher Erfüllungsgehilfe einer Datensammelwut fungiert? Und darf Wissenschaft das eigentlich, soll sie uns in eine solche potenzielle Zukunft führen dürfen? Ist sie eigentlich grundsätzlich immer auf der richtigen Seite, egal was sie macht?

Dass das so sein soll, könnte man in den letzten Monaten glauben. Da wurde viel über Wissenschaft geredet. Ganz besonders darüber, dass sie uns längst aus der Pandemie geführt hätte, wenn man sie nur entscheiden ließe, und zwar unverwässert von der Politik. Da kollidiert schon Anspruch und Wirklichkeit: Wissenschaft bewegt sich innerhalb mehrerer Entitäten, denn der menschliche Kosmos gebiert viele Spannungsfelder. Es gibt etwa gesellschaftliche Konventionen, soziale Kontaktnotwendigkeiten, ökonomische Grundlagen und menschliche Bedürfnisse nach Kunst und Kultur, die nicht hinter der Wissenschaft stehen. Auch sie müssen berücksichtigt werden.

Der Wissenschaftstotalitarismus blendet das alles aus. Er begründet mit Zahlenmaterial und zieht daraus Schlüsse. Welche Verwerfungen das für das Leben der Menschen mit sich bringt, fragt er nicht. Das ist nämlich nicht sein Fachgebiet. Ihm ist alles Menschliche fremd. Im Hinblick auf den Transhumanismus, auf den wir uns zubewegen, ist diese Haltung Programm.

Er wird dem Menschen alles Menschliche fremd machen, eine neue Kreatur erschaffen und so traurige Götter in die Welt setzen, deren Lebensaufgabe es sein wird, sich selbst zu überwachen, um nicht zu verfallen, der Natur noch ein Jahrzehnt und noch ein Jahrzehnt Lebensspanne abzuluchsen.

Die Stimmen, die in der jetzigen Krise eine freie Entfaltung der Wissenschaft fordern, sind daher gefährliche Wegbereiter. Wissenschaft braucht Überwachung und kritisches Hinterfragen. Eben auch von Laien. Denn sie sind die Adressaten dessen, was Wissenschaft hervorbringt. Wollen wir so leben? Die Frage stellt sich in dieser Pandemie ebenso wie gemünzt auf das, was uns als Menschheit droht? Wir sollten diese Frage eben nicht der Wissenschaft überlassen. Tun wir es, wird sie Zahlen aufbereiten, die unterstreichen: Ja, wir sollten so leben. Solche Fragen beantwortet man aber mit Intuition: Auch wenn sie fehleranfällig sein mag. Ein Risiko einzugehen: Das ist menschlich.

Und sollte es bleiben.

 

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Showing 6 comments
  • Anja G.
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    Herr de Lapuente, Sie haben da einen sehr wichtigen Text geschrieben. Mit ganz wichtigen Fragen. (Finde ich – weil sich mir ganz ähnliche oder fast die gleichen Fragen stellen.) Sie verdichten sich verstärkt seit einem Jahr, standen aber schon vorher im Raum.

     

    Von daher: herzlichen Dank für die Zusammenfassung, auf dem jetzigen Stand.

    Allerdings muß ich doch eines anmerken. Verbunden mit einer Fragestellung:

    Was, glauben Sie, ist WISSENSCHAFT? Welches Wissenschaftsverständnis legen Sie dem Text zugrunde? Ist es nicht genau dasselbe, auf welches ‚Wissenschaft‘ inzwischen verengt wurde: die Erhebung von Zahlen und Daten? Die rein quantitative Erfassung der Realität? Unter Weglassen all dessen, was nicht messbar und in (Kenn)Zahlen zu erfassen ist. Mindestens das. Aber im Grunde ist das heutige Wissenschaftsverständnis selbst schon gar nicht mehr wirklich wissenschaftlich. Sie deuten das in Ihrem Text an. Ohne dies aber wirklich zu benennen.

    Was wird denn heute zur Wissenschaft gerechnet? Sind sämtliche Sozialwissenschaften nicht wissenschaftlich? Was sind sie dann? In den Sozialwissenschaften ist allerdings auch bereits seit mindestens 2-3 Jahrzehnten der Trend beobachtbar, daß alles möglichst ’standardisiert‘ und in Zahlen ausgedrückt erfasst wird. Was schon lange nicht mehr den tatsächlichen gesellschaftlichen Entwicklungen gerecht wird.

  • Hope
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    „Aus naturwissenschaftlicher Sicht unrealistische Altersangaben werden im Buch Genesis für Methusalem (969 Lebensjahre),[2] Jered (962 Jahre), Noach (950 Jahre), Adam (930 Jahre), Mahalalel (895 Jahre) und Henoch (365 Jahre) gegeben. In Gen 6,1–4 EU begrenzt Gott die Lebenszeit schließlich auf hundertzwanzig Jahre (Todesalter des Mose). Das höchste gut dokumentierte Alter, welches je durch einen Menschen erreicht wurde, beträgt 122 Jahre. Ein für Israeliten typisches Lebensalter von 70 bis 80 Jahren ist in Ps 90,10 EU genannt.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Biblisches_Alter

    Oder die waren damals schon digital verblödet. Auch eine These. Allein, dass ich in meinem bescheidenen 60 Lebensjahren vom analogen Menschen zum digitalen Menschen mutieren musste: alle Achtung. Ich hätte gerne drauf verzichtet. Ich will nicht 100 Jahre alt werden, auch nicht, wenn Gott das so wollte.

    Das analoge Leben wird eh wiederkommen müssen, hier sehr schön ab min 59:48:

    https://www.youtube.com/watch?v=4QC3V65wOAk&list=PLxT87EEvNL2YB-D4FJAbxHIZqs3Krcp5B

  • Die A N N A loge
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    Alle Wissenschaft in Ehren, doch das, was Leben heißt und Freiheit bedeutet, versteht sie nicht. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen…“ das schrieb bereits Herr v. Hardenberg (Novalis) in einem seiner Gedichte, und er sollte Recht behalten.

    Wenn Zahlen, Apps-Reglementierungen, Schrittzähler, und Pharmapillen zum Korsett unseres Lebens werden, dann empfiehlt es sich, beiseite zu treten und das Leben wieder an der Wurzel anzupacken, an der Wurzel der Freiheit.

    https://youtu.be/oRPNXfqALOo

  • Die A N N A loge
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    Was die Mode der Beweisführung mithilfe von  Videokontrolle, Schrittzählerkasteiung und  Gottgläubigkeit an die Pharmaindustrie nicht berücksichtigt ist der in den Menschen gepflanzte, stets neu aufkeimende Widerstand gegen Gängelei und Korsett Bandagen. Der Mensch braucht seine Freiheit und ist im Grunde seines Herzens ein Rebell.

    https://youtu.be/-1LRD3DtFAo

     

  • Die A N N A loge
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    Ich habe nichts gegen die Wissenschaft, nur möge uns das Konglomerat von Wissenschaft, Industrie und Politik niemals nach seinem Bilde formen!

    https://youtu.be/4sDFPY6IPH0

    https://youtu.be/UrdaSqhKNas

  • Gabriel Müller-Huelss
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    Wissenschaftler zerlegt „Wissenschaft“

    Mathematik-Professor Stephan Luckhaus rechnet mit Leopoldina, Max-Planck-Gesellschaft und „Die Wissenschaft“ bezüglich Covid-19 in einem absolut sehenswerten 5-minütigen Video ab, womit er zeigt, daß es neben obrigkeitshörigen Fachidioten mit Tunnelblick noch Ausnahmen unter Wissenschaftlern gibt:

    https://lbry.tv/@Weckruf:b/Prof.-Dr.-Stephan-Luckhaus-(480p_30fps_H264-128kbit_AAC):a

    Eine in Worte gefaßte lesenswerte Beschreibung des Videos erschien heute auf Deutsch-RT:

    https://de.rt.com/inland/118803-corona-dissens-nicht-genehm-ehemaliges/

    Sollten solche Wissenden bei der Bevölkerung endlich mal in der Fläche durchdringen, hätte sich wohl die von De Lapuente beschriebene Dystopie weitestgehend erledigt.

    !!! EMPÖRT EUCH !!!

    https://www.youtube.com/watch?v=LzjzMPGMPLs&list=OLAK5uy_liZtc2Y2ET9JhbWixA7DMFD35XUgC_PsQ&index=8

     

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