Franz Josef Degenhardt: Göttingen

 in MUSIKVIDEO/PODCAST


„Ich merke hier noch immer viel genauer, dass dieses Land nicht bleiben wird wie es mal war.“ Gemeint ist die schöne Stadt Göttingen (siehe dazu auch das Lied von Barbara/Pomme gestern). Hier wird es sperriger, rauer und weniger lieblich. Franz Josef Degenhardt fand Barbaras Klassiker offenbar eher verkitscht. Bei Barbara gab es Rosen und liebe blonde Kinder, bei Degenhard hört man von Graffiti, „Rache für Christian Klar“, Dosenbier und einer Drogentoten. Der Alt-Liedermacher ist kein Caruso und schon gar kein Schönfärber, er scheint seine Hörer beim Singen eher mürrisch anzuraunzen. Seine Lyrik aber ist wie immer exzellent, detailgenau und hintergründig. Und auch sie haben einen kleinen Auftritt: die Schmuddelkinder.

Showing 4 comments
  • Freiherr
    Antworten
    „Ich merke hier noch immer viel genauer, dass dieses Land nicht bleiben wird wie es mal war.“-

    damals schon doppeldeutig von ihm vorgetragen, vorausschauend erahnend ? – also nicht nur hoffnungsvoll sondern auch düster, dass es eben sogar schlimmer noch werden könnte als damals… dann hätte er ja richtig prophezeit.

     

  • Ulrike Spurgat
    Antworten
    Unvergessen ist Väterchen Franz !

    Vielen Dank für die Veröffentlichung.

    Eine musikalische und kraftvolle geerdete tiefe Lyrik die ihn zu einem der besten deutschen Liedermacher gemacht hat: Politisch eindeutig klar präzise und unebestechlich in seinen Aussagen: ein Meister seines Fachs. Ich sehe ihn immer und das über den Tod hinaus als besten deutschen Liedermacher denn seine Lieder und Texte sind von einer Tiefe die mich immer wieder beim Hören im Augenblick verharren lässt. Danke, Väterchen Franz für die Schmuddelkinder, für Wölfe mitten im Mai, für dies Land ist unser Land für deine Liebeslieder und für all die Konzerte die ich besucht habe um deinen klassenkämpferischen Liedern zu lauschen.

    Ein Schatz den es zu hüten gilt.

     

  • Holdger Platta
    Antworten
    Wow, welche Entdeckung auch für mich! – Der ab Sommer 1965 in Göttingen studierte, zigmal dort Franz Josef Degenhardt auf der Bühne erleben durfte, übrigens anfänglich stets auf jener Bühne des „Jungen Theaters“, auf der auch Barbara ihr dort gedichtetes und komponiertes „Göttingen“ uraufgeführt hatte.

    Ich bin Roland dankbar für die ‚Ausgrabung‘ dieses Liedes von FJD, das mir völlig unbekannt war – vielleicht deshalb, weil es in einer Zeit entstanden sein könnte, in der Franz Josef Degenhardt für mich etwas zu sehr abgeglitten war – hin und wieder! – in Texte, die für mich allzu primitiv daherkamen: „Zwischentöne sind Krampf/im Klassenkampf“. Da war ich – wie auch er wieder, später dann – gänzlich anderer Meinung! Und bin es auch heute noch!

    So oder so: ein tolles Lied, herrlich auch mit seinen Anspielungen auf Barbaras Chanson! Und überaus informiert, was die damaligen Verhältnisse in Göttingen betraf, zum Beispiel das damals furchtbare „Göttinger Tageblatt“.

    Diese Tageszeitung, damals noch im Privatbesitz eines Herrn Dr. Viktor Wurm, noch nicht „Kopfblatt“ des Madsack-Konzerns, konnte man seinerzeit durchaus in manchen Teilen als braunes Drecksblatt bezeichnen. Wir revoltierenden APO-Studenten wurden tatsächlich als Demokratiefeinde, als ungewaschen und stinkende Jugend beschimpft, und Hauptagitator war eben jener Dr. Viktor Wurm – zu dem wir dann 1968 herausfanden, daß er bereits 1920 – im Geburtsjahr dieser Scheiß-Partei – Mitglied der NSDAP geworden war und das „Goldene Parteiabzeichen“ bekommen hatte. Ein Mann, der niemals in der Demokratie angekommen war. Und den ich einigemale in der Asta-Zeitung „göttinger nachrichten“ als Redakteur meine Freundlichkeiten ins arische Stammbuch schrieb!

    Weshalb wir damals auch über das „Göttinger Tageblatt“ – abgekürzt: GT – auch stets zu sagen pflegten: „Da steckt der Wurm drin!“

    Der „Dr. Voktor Wurm“ eben.

    Nochmal: tolle Entdeckung, lieber Roland!

    PS: Nein, lieber „Freiherr“: mit diesem Lied wollte vermutlich FJD keine düsteren Zukunftsahnungen äußern! Das dürfen wir linken Leutchen vor Ort durchaus positiv verstehen: Göttingen, dieses Drecksnest schon in Weimarer Zeit (mit Wahlergebnissen für die NSDAP von Anfang weit über dem Reichsdurchschnitt, nicht zuletzt der Studenten damals wegen!), dieses Drecksnest war ab 1964 ein anderes Göttingen geworden: eine wunderbar freiheitlich-linke Universitätsstadt (ähnliches ließe sich von Marburg sagen, ebenfalls zu Weimarer Zeiten eine frühes Zuhause für die Faschisten, das dann während der APO-Zeit eine linke Stadt wurde, dank so großartiger Leute unter anderem wie Abendroth und Kühnl!).

  • Volker
    Antworten
    Ich will ja nicht wieder, aber, ….

    …. möglicherweise winkt mir ja noch der Einstieg als Straßenmusikant, damit sich füllt mein Hut im Warenkorb.

    Eine Art 1 Cent-Job, auch Bürgergeld oder Fallpauschale genannt. Für den Kauf eines Hutes bekomme ich sicherlich ein Darlehen von der Fallbehörde, angemessene Hutgröße vorausgesetzt.  Klar, Dickschädel gelten als unangemessen, kleine Eierköpfe hingegen…. weia …

    Mit der Bitte um eine Hutspende.  Mit breitem Rand allerdings, damit mir kein Cent aus dem Hut entwischt. Oder Knöpfe, Pfanddosen, Briefmarken, Kuchenkrümel, sonstige Reste ….

    So. Nun kommt ihr ins Spiel: Wer sich von alten, verfilzten Hüten trennen möchte – bitteschön.

    🙂

     

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search