Immer wieder

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Peter Fahr

Dies ist das Zeitalter extremer Handlungen – geboren aus geistiger Hybris, körperlicher Gewalt und seelischer Verletzung. Wenige verstehen, viele verkennen, die meisten verzweifeln. Wem offenbaren sich die geheimen Bezüge extremer Handlungen? Was haben zum Beispiel sexueller Missbrauch, Eroberung des Weltraums, Digitalisierung, Flüchtlingselend und Kannibalismus miteinander zu schaffen? Ein provokanter Text des Poeten und Essayisten Peter Fahr.

 

Ich bin jung, na und? Soll ich mir auf meine 20 Jahre etwas einbilden? Mein Leben liegt vor mir, aber was für ein Leben? Ich werde zum ICT-Netzwerk-Administrator bei der Post ausgebildet, habe keine feste Freundin, sehe gerne Fußball und langweile mich ansonsten zu Tode. Im Handumdrehen bin ich alt. Ich bin die stete Überforderung.

Meinen Großvater habe ich nicht gekannt, er hat fünf Jahre im Knast zugebracht und sich dann abgemeldet. Meine Großmutter war eine weichherzige Frau. Früh ergraut. Sie hat mich kein einziges Mal zurechtgewiesen oder bestraft, wenn ich die Schulferien bei ihr verbrachte. Und ich war oft bei ihr, denn meine Mutter hatte zu tun. Meine Mutter, die gläubige Frau, respektables und respektiertes Mitglied einer Emmentaler Freikirche, Gründerin eines Hilfswerks, verehrte Wohltäterin, die sich um die ärmsten Kinder des Planeten kümmerte.

Montag, 21. Juli 1969

Raumfahrtmission Apollo 11 der NASA. Vom Start der Saturn 5-Rakete vom Kennedy Space Center in Florida bis zur Wasserung der Kapsel im pazifischen Ozean dauert das Spektakel exakt acht Tage, drei Stunden und 18 Minuten. 600 Millionen Menschen verfolgen Flug und Landung der amerikanischen Raumfähre „Eagle“. Walter Cronkite, Nachrichtensprecher von CBS, plappert munter drauflos. Bruno Stanek im hiesigen Fernsehen strahlt wie ein Marienkäfer. Laut den Prozessakten ist meine Großmutter früh schlafen gegangen, der Großvater sitzt im Wohnzimmer vor dem Kasten und meine Mutter liegt in ihrem Bett im Kinderzimmer. Ein ruhiges, verspieltes Mädchen von fünf Jahren. Sie schläft. Tief habe sie geschlafen, hat sie später ausgesagt. Doch sie wird geweckt. Im Wohnzimmer scheppert die Kiste: „The Eagle has landed!“ Im Mare Tranquillitatis, 0° 40‘ 26,69“ N, 23° 28‘ 22,69“ O. Im flachen Meer der Stille. Die Außentemperatur zwischen minus 230 Grad Celsius und plus 120 Grad Celsius. Aufdringlich die Piepstöne der Funkverbindung zwischen dem Astronauten Edwin „Buzz“ Aldrin in der Raumfähre und der Crew der Bodenstation in Houston. Blecherne Stimmen.

Der Großvater legt sich neben meine Mutter, sein Atem geht über ihr Gesicht. Seine Hände sind schwer. Die Stimmen überschlagen sich. Die Westinghouse Apollo Lunar Television Camera filmt schwarzweiß mit Bandbreite 4 Hz bis 500 kHz und Auflösung von 250 Zeilen bei 10 Bildern pro Sekunde. Sie filmt, wie Neil Armstrong die Außenleiter hinuntersteigt und in den Sand des Erdtrabanten springt. Es ist 3.56 Uhr. Seine verzerrten Sätze dringen ins Kinderzimmer: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!“ Neil und „Buzz“ hopsen herum, hissen das Sternenbanner und sammeln 22 Kilogramm Mondgestein ein. Die Gewalt des Großvaters ist wie eine Woge, die das Mädchen unter sich begräbt. Zum ersten Mal in seinem Leben. Noch viele Male habe die Woge sie überrollt, jahrelang, Woge um Woge, hat meine Mutter ausgesagt. Dann wurde mein Großvater erwischt und verurteilt, er saß seine Strafe ab und verschwand. Meine Mutter wächst heran. Meine Großmutter stirbt. Meine Mutter heiratet, bekommt ein Kind, findet Trost im Gebet, gründet das Hilfswerk. Auch mein Vater betet. Ich werde christlich erzogen und bete mit. Ansonsten bin ich still, dankbar und allein. Denn sie wissen nicht, was ich tu.

Dienstag, 9. Januar 2007

Am Anfang war die Mutter. Ich bin geboren, ich bin drei, ich bin sieben, ich bin zwölf. An schulfreien Nachmittagen arbeite ich im Hilfswerk meiner Mutter mit. Un­entgeltlich. An der Wand hängt ein Spruch von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Ich nehme Telefonate entgegen, frankiere und stemple Umschläge, verpacke Flyer, klebe Kinderzeichnungen auf Karten, putze die Räumlichkeiten der Geschäftsstelle. Hin und wieder kaufe ich Mineralwasser, Kaffekapseln und Süßigkeiten für die 100 Freiwilligen ein. Das Hauptanliegen des Hilfswerks ist es, Not leidenden Kindern und Familien in der südlichen Hemisphäre beizustehen und mit ihnen die Ursachen ihres Elends zu beheben.

Erste Priorität hat die Betreuung von persönlichen Patenschaften für 3428 benachteiligte Mädchen und Knaben. 2156 Patinnen und Paten bezahlen einen Jahresbeitrag von CHF 600.– pro Kind und Monat. Ohne Rücksicht auf Ethnie, Herkunft und Glaube fließt die Hilfe der christlichen NGO den Bedürftigen zu. Meine Mutter ist die Präsidentin. Sie ist engagiert, sie ist gut. Alle bewundern sie. Betrete ich die Räumlichkeiten der Geschäftsstelle, um meinen unbedeutenden Dienst zu verrichten, werde ich ebenfalls bewundert. In den Augen der Anderen bin ich wer. Ich bin der Sohn meiner Mutter. Darum komme ich her.

In San Franzisco hüpft Steve Jobs in schwarzem Rollkragenpullover, verwaschener Jeans und abgelatschten Turnschuhen auf die Bühne der Macworld Conference & Expo und stellt sein Wunderding vor: „Heute wird Apple das Telefon neu erfinden und wir nennen es iPhone.“ Die Lichtmaschine rotiert, die Zuschauer kreischen. Jobs ist engagiert, er ist gut. Alle bewundern ihn. Bis im November muss ich warten, um mir sein Gerät zu kaufen. Der charismatische Meister hetzt über die Bühne, hinter ihm die Großleinwand mit seinem ins Gigantische fließenden Portrait. Ich sitze abends zu Hause vor meinem Laptop und verfolge das aufgezeichnete Spektakel des Tages. Ich staune. Entwickler ist Apple, Hersteller Foxconn. Masse 115 mm x 61 mm x 11,6 mm, Gewicht 135 g. Anzeige 89 mm, 480 x 320 Pixel (163ppi), berührungsempfindlich.

Meine Mutter schleicht ins Zimmer und fragt, wie es mir gehe. „Okay“, sage ich. Meine Mutter flüstert. Sie will es fühlen. Sie setzt sich neben mich aufs Bett, ihr Atem geht über mein Gesicht. Ihre Brüste sind schwer. Digitalkamera 2 MP, Betriebssystem iOS 1.0, Einkernprozessor ARM 1176 (412 MHz), RAM 128 MB eDRAM, Grafikprozessor Power VR MBX Lite, Interner Speicher 4,8 oder 16 GB NAND. Die Liebe meiner Mutter ist wie eine Woge, die mich unter sich begräbt. Zum ersten Mal in meinem Leben. Jobs schreit, die Menge tobt. Das iPhone hat Sensoren – einen Beschleunigungssensor, einen Annäherungssensor, einen Umgebungslichtsensor. Mobilfunknetze GSM, GPRS, EDGE, WLAN, Bluetooth. Dock-Anschluss, 3,5-mm-Klinkenstecker. Lithium-Ionen-Batterie, Akkulaufzeit max. 250 Std., Sprechdauer max. 8 Std. „Das iPhone ist, als ob man sein Leben in der Tasche hat.“ Noch viele Male hat die Woge mich überrollt, jahrelang, Woge um Woge. Meine Mutter wurde weder erwischt noch verurteilt. Und sie blieb.

Mittwoch, 2. September 2015

An einem türkischen Strand in der Nähe Bodrums wird ein Flüchtlingskind aus Syrien angeschwemmt. Es ist der dreijährige Aylan Kurdi. Sein lebloser Körper in buntem T-Shirt, kurzen Hosen und winzigen Schuhen liegt von Wellen umspült im Sand, das Köpfchen mit den nassen Haaren zur Seite gedreht. Der Kleine scheint friedlich zu schlafen. Doch er ist auf der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland ertrunken. Das Boot, in dem Aylan, sein älterer Bruder und seine Eltern Zuflucht gefunden haben, ist gekentert. Nur der Vater Abdullah hat das Unglück überlebt.

Ich sehe im Wohnzimmer fern. Der adrett gekleidete Nachrichtensprecher berichtet sachlich. Seine Stimme zittert nicht. Hinter ihm liegt der Junge im Sand. Mein Vater ist auf Geschäftsreise. Meine Mutter hockt am Wohnzimmertisch und arbeitet konzentriert für das Hilfswerk. Sie schreibt Spendengesuche an Kirchgemeinden und Stiftungen. Sie arbeitet für die hungernden, hilflosen, ausgebeuteten, verängstigten Kinder in Indien, Bangladesch, Kambodscha, Kamerun, Rwanda, Madagaskar, Haiti, Kolumbien, Argentinien, Brasilien. Die Wellen schlagen gleichmäßig an den Strand.

„Der Flüchtlingsstrom fließt über den Westbalkan nach Europa“, sagt der Nachrichtensprecher. „Heute sind 59 Millionen Menschen auf der Flucht, Männer und Frauen, Alte und Junge, Kinder und Säuglinge.“ Ich erhebe mich und gehe zum Fenster, ich reiße die Vorhangkordel herunter und trete hinter meine Mutter. Ich schlinge die Kordel um ihren Hals. Abdullah kämpft mit den Tränen: „Bevor ich mit meiner Familie floh, wurde ich gefoltert. Sie haben mir mit einer Rohrzange die Vorderzähne gezogen.“ Die Wellen schlagen an den Strand, immer an den Strand. Sie werden zur Woge, die mich überrollt. Niemals habe ich meine Mutter mehr geliebt, als wenn ich sie hasste.

Nachts stehe ich am Induktionsherd in der Küche. Es ist eine freundliche Küche mit hohen Fenstern und weißen Schränken, Schubladen und Regalen. Sogar die Marmorplatte der Kochinsel ist weiß. Die letzten Stunden waren anstrengend. Das Zerteilen und Ausweiden eines menschlichen Körpers setzt Geschick und Geduld voraus. Ich habe die Herausforderung angenommen, man muss die Sache mit Anstand hinter sich bringen. Die Tiefkühltruhe ist randvoll gefüllt, der Abfall ist entsorgt. Ich habe das Bad gesäubert und die Wanne geschrubbt, mich geduscht und rasiert und alles vorbereitet. Ich brate Koteletts in Knoblauchsauce.

Ich benötige 2 Koteletts, 1 Knoblauchzehe, 250 ml süße Sahne, 2 EL gehackte Petersilie, 2 EL Margarine, 1 Gemüsebrühwürfel, Salz, weißer und schwarzer Pfeffer, Muskatnuss, Pinienkerne, Brokkoli, 300 g festkochende Kartoffeln und 2 EL Butterschmalz. Ich brause kurz den Brokkoli und gebe das in Röschen zerteilte Gemüse in kochendes Salzwasser. Ich gare den Brokkoli vier Minuten, schütte ihn in ein Sieb, schrecke ihn mit Eiswasser ab und würze ihn mit geriebener Muskatnuss und gerösteten Pinienkernen. Ich gare die Kartoffeln in Salzwasser und schneide sie in dicke Scheiben. Ich erhitze den Butterschmalz in der Pfanne, lege die Kartoffelscheiben hinein, lasse sie von einer Seite goldbraun werden, drehe die Kartoffeln um und brate auch die andere Seite goldbraun an. Ich würze sie mit Salz, weißem Pfeffer und gehackter Petersilie. Ich erhitze die Margarine in der Pfanne, würze die Koteletts mit Salz und schwarzem Pfeffer und brate sie auf beiden Seiten 8-10 Minuten an. Ich bedecke die Koteletts mit Alufolie, um sie warm zu halten. Ich presse Knoblauch in den Bratsatz und lösche mit der Sahne ab. Ich gebe den Brühwürfel dazu und lasse die Sauce 10 Minuten unter Rühren etwas einköcheln. Ich schmecke mit Salz, weißem Pfeffer und einem Hauch Muskatnuss ab und rühre die Petersilie ein. Ich gieße die Sauce über die warmen Koteletts.

Der erste Bissen ist der beste.

 

„Immer wieder“ von Peter Fahr, in: „Die heutige Jugend – ein Ausbund an Tugend?“, Hg. Alexander Sury, Zytglogge Verlag, Basel 2016, ISBN: 978-3-7296-0941-9, CHF 34.00, ca. Euro 31.40

 

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