Von der Jetzigkeit und anderen wichtigen Dingen …

 in Philosophie

Den Begriff Jetzigkeit hörte ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal. Eine bulgarische Freundin hatte ihn geprägt. Jetzigkeit. Wunderbar. Wie hölzern klingt dagegen das Wort Gegenwart. Außerdem erinnert die Bezeichnung Jetzigkeit viel intensiver als das Wort Gegenwart an das, was wir uns mehr und mehr in Erinnerung rufen sollten, bis wir es endlich verinnerlicht haben: die unumstößliche Tatsache nämlich, dass das Leben ausschließlich im Jetzt stattfindet. Nur so gewinnen wir die Kontrolle über unsere Gedanken, die uns bisher doch permanent in Vergangenheit und Zukunft zerren und auf diese Weise Trugbilder von uns selbst erschaffen. Wir nehmen Rollen an und agieren vor der wahren Wirklichkeit wie unter einem Schleier, der uns nicht frei atmen lässt. Dirk C. Fleck

Bleiben wir bei dem entzückenden Wesen, das die Jetzigkeit erfand. Mit ihr hat sich für mich eine Tür in eine neue Welt geöffnet. Eine Welt aus purer Liebe. Zärtlich und vertrauensvoll. Mit der bulgarischen Königin bleibt die Zeit stehen.

Na ja, sie bleibt nicht direkt stehen, sie zeigt sich von ihrer wahren Seite: rund ist sie und dauerhaft in Bewegung. Für Seelen, die wiedergeboren werden, ist sie an jeder Stelle der Menschheitsgeschichte zugänglich.

Meine schöne Freundin verwandelt die Welt ganz automatisch in etwas, was dir eine andere Zeiterfahrung beschert. Diese ist nicht, wie wir es gewohnt sind, linear ausgerichtet, nein, um sie herum ist ein changierendes Universum entstanden, in dem man sich selbst immer wieder zwischen jung und alt verorten kann.

Jetzt habe ich mich aber verrannt. Oder scheint es nur so, weil ich in Gegenwart dieser Frau meiner Worte beraubt werde? Sie erscheinen mir lächerlich in dem Bemühen, die Essenz zu beschreiben, den Geschmack, den Duft, die Anmut mit der jede Sekunde in ihrer Gegenwart spielerisch um sich wirft. Musik ist das Einzige, mit dem man sich einer solchen Glückseligkeit nähern kann.

Ich fand eben zufällig (?) ein Foto im Internet, das eine Frau zeigt, die bei geschlossenen Augen Violine spielt, während ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Das meine ich: Bilder, Gedanken, Gefühle fügen sich in Ekaterinas wunderbarer Welt auf magische Weise zusammen.

In meinem Buch LA TRIVIATA von 1985 steht der Satz: “Es besteht kein Zweifel daran, dass wir trotz aller geistigen Beschränktheit doch immer zu Hause sind, wo denn auch sonst. Wir müssen nur ein Gefühl dafür entwickeln”. Mit Ekaterina an meiner Seite ist das nicht schwer. Sie findet, dass sie in den Geheimnissen der Natur gut aufgehoben ist und die Geheimnisse in ihr ebenso.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Djuna Barnes (1892-1982), deren Buch “Solange es Frauen gibt, wie sollte da etwas vor die Hunde gehen?” mir in lebendiger Erinnerung geblieben ist, hat in nur einem Satz beschrieben, wie es geht: “Furchtlos auf das Schreckliche zugehen und es in Schönheit verwandeln!” Das funktioniert. Selbst wenn wir vom Leben wieder einmal durch die Schreckensarsenale der sogenannten Realität gejagt werden, funktioniert es. Dazu braucht es Mut und ein Herz, das weiß, wie und wo Harmonie und Frieden zu finden sind.

Bevor ich der schönen Bulgarin begegnete, kam mir mein Leben vor wie eine letzte Sünde, die ich mir gestattete. Ich nahm die Tage kaum zur Kenntnis. Die Impressionsbeute war gering. Zu viel wiederkehrende Bilder. In dem Film “Die Frau Nebenan” steht Fanny Ardant am Fenster und fragt: “Wohin fahren all die Autos?”

So ging es mir auch häufig. Es lag ein Netz aus banalen Worten über der Stadt, in der sich täglich Hunderttausende verfingen. Wenn es regnete – und es regnete oft in Hamburg – bemerkten die Menschen sich unter den Schirmen nur noch Knie abwärts. Ich war auf Geschenke angewiesen. Auf einen offenen Blick aus einem vorbeifahrenden Bus etwa. Wie viel Verlorenheit doch in solchen flüchtigen Augenblicken liegt, wie viel unerfüllte Sehnsucht.

Max Frisch hat es in “Die Schwierigen” auf den Punkt gebracht:

“Wir nehmen es an, das große Stirb und Werde, wir treten über die Schwelle unserer Jugend, ein für alle mal. Es fallen die schillernden Schleier der Wehmut; es kommt eine kühle, klare Härte in alles, hinter alles, und man erschrickt nicht mehr, wenn jemand aufsteht und jünger ist. Man spielt nicht mehr mit dem Schrecken, mit dem Grauen vor dem Tod. Es öffnet sich über allem ein ganz anderer Raum. Was hilft uns der Rausch? Er hat keine Flügel, er trägt nicht in Gottes kühler Geräumigkeit. Es tut nichts, ob einer schwärmt, ob einer stehen bleìbt wie ein störrischer Esel und ohne ein Wort nicht weiter will. Es trägt nicht, sowenig wie der Schrei der Verzweiflung, wie das Grinsen des Spötters. Man tritt in den Dienst von Leben und Tod; gemeint ist ein Leben, das über uns ist, das auch in Herbsten nicht trauert, ein außerpersönliches”.

Es öffnet sich über allem ein ganz anderer Raum.

So ist es. Und da dieser Artikel von Zitaten lebt, füge ich eine Botschaft bei, die ich von den Lakota übernommen habe:

“Nur jemand, der weiß, was Schönheit ist, blickt den Wind, die Bäume, die Sterne oder das funkelnde Wasser eines Flusses mit völliger Hingabe an, und wenn wir wirklich sehen, befinden wir uns im Zustand der Liebe”.

Der großartige US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau (1817-1862) wollte die Distanz, die wir Menschen zum Leben entwickelt haben, zum Wohle zukünftiger Generationen eindeutig markieren. Er schrieb:

“Wir wollen uns die Ärmel aufkrempeln und unseren Weg bahnen durch den Dreck und Schlamm von Meinung, Vorurteil, Tradition, Blendung und Schein, die den Erdball überschwemmen, durch Paris und New York, durch Kirche und Staat, durch Dichtung, Philosophie und Religion, bis wir auf festen Grund und solide Felsen stoßen. Diesen Ort können wir Wirklichkeit nennen und sagen: Das IST, einen Irrtum gibt es nicht. Und dann beginne ein Realometer einzurammen, damit künftige Zeiten erfahren, wie hoch die Wellen von Trug und Schein zeitweilig schlugen”.

Zum Schluss noch ein paar Sätze meiner Freundin Maja Feràn, die sie neulich auf Facebook postete:

„so ich morgen gehen müsste, wüsste ich eins… ich habe nicht viel erreicht (doch nach welchem maßstab), ich habe nicht viel gelebt (doch nach welchem maßstab)…aber ich habe zutiefst geliebt und wurde der gnade gewahr, nicht nur für einen augenblick… nein, für eine ewigkeit…und DAS kann mir niemand stehlen…niemals… auch wenn ich sicher noch ein tollpatsch bin…ein anfänger der kunst dieses liebens, das seinen namen verdient…“

So ist das mit den erwachten Frauen. Sie zeigen dir die heiligen Himmel, voll und brennend mit Sternen, dass du dich zu fragen beginnst, ob du immer noch auf dem gleichen Planeten bist, auf dem du geboren wurdest.

“Es ist ein gewaltiges Risiko eine erwachte Frau zu lieben”, mahnt Sophie Bashford in ihrem großartigen Essay ‘Wenn du dich entscheidest, eine erwachte Frau zu lieben’ (https://licht-insel-austausch.blogspot.com/2016/03/wenn-du-dich-entscheidest-eine-erwachte.html), “weil es plötzlich keinen Ort mehr gibt, an dem du dich verstecken kannst. Sie sieht alles und damit kann sie dich mit einer Tiefe und Präsenz lieben, nach der sich dein Herz und Körper so lange gesehnt haben. Solange, so heftig … Warst du wirklich am Leben all die Zeit, in der sie nicht da war?”

Nein, war ich nicht.

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